Sportkletterschuhe

Beim Sportklettern kommt es im Vergleich zum Bouldern meist auf mehr Durchhaltevermögen und Ausdauer, als auf  kurze Maximalbelastung an. Das gilt nicht nur für die Finger sondern auch für die Füße. Diese ermüden in weicheren Kletterschuhen natürlich schneller. Deshalb ist ein Sportkletterschuh häufig ein mittelharter Schuh.  Die Zwischensohle ist steifer und härter als bei einem reinen Boulderschuh und auch die Hook-Gummierungen sind weniger von Bedeutung, da man in einer senkrechten, glatten Wand einfach weniger Gelegenheiten findet, die entsprechenden Techniken einzusetzen.

Da die Kletterdauer deutlich über einer Minute liegt, ist es beim Sportklettern wichtig, den Fuß längerfristig zu unterstützen. Das schnelle An- und Ausziehen rückt in den Hintergrund. Deshalb hat ein Sportkletterschuh eine Schnürung oder zwei bis drei Velcroverschlüsse, um den Schuh optimal an den Fuß anpassen zu können. Je überhängender und maximalkraftlastiger eine Route ist, desto mehr kommt man auch mit einem “Boulderschuh” beim klettern zurecht.

Der Leisten eines Sportkletterschuhs kann mehr oder weniger stark asymmetrisch sein. Spricht man von einem asymmetrischen Kletterschuh bedeutet das, dass der Schuh den Vorfuß nach innen biegt. Asymmetrie kommt folgendermaßen zustande: Zieht man eine gerade Linie (als Spiegelachse) durch die Mitte der Klettschuhsohle, so hat man eine linke und eine rechte Seite. Je mehr die Spitze der Sohle in Richtung Großzehenseite gebogen ist, desto asymmetrischer ist der Kletterschuh an der gedachten Spiegelachse. Der Fuß wird somit erstens in einer weiteren Ebene verspannt und zweitens verlängert sich somit die Außenkante, an der die kleinen Zehen anliegen.  Betrachtet man die Anatomie und Biomechanik eines Fußes ist es diese verlängerte Außenkante, durch die der Schuh dem Fuß mehr Stabilität beim Antreten kleiner Tritte verleiht.

Ein stark asymmetrischer Kletterschuh macht also beim Sportklettern immer dann Sinn, wenn die Tritte relativ klein sind und/oder die Route häufiges Eindrehen verlangt, was z.B. bei einer Route mit vielen Längenzügen der Fall sein kann.

Stark asymmetrische Klettersschuhe besitzen häufig eine gehörige Portion Vorspannung und Downturn. Bei Schuhen mit Vorspannung ist die Sohle kürzer als der Oberschuh. Der Schuh hat dadurch von der Seite gesehen eine Art Halbmondform: die Schuhspitze und die Ferse sind nach unten geneigt. Ein vorgespannter Schuh biegt den Fuß in eine Hohlfußstellung, um mehr Druck auf die Zehen zu bringen. Durch die Vorspannung erhöht sich der Druck, den die Zehen auf den Tritt bringen können; man kann also einfacher mit den Zehenspitzen auf winzigen Tritten stehen.

Der La Sportiva Testarossa: vorgespannt und asymmetrisch

Kletterschuhe mit stark asymmetrischem Leisten und kräftiger Vorspannung haben ihre Stärken vor allem im steilen, überhängenden Gelände, da die spezifische Schuhform den Fuß optimal dabei unterstützt, Druck auf sonst kaum zu stehende Tritte zu bringen. Wer also schwere und vor allem steile Routen klettern möchte, wird früher oder später nicht um einen Kletterschuh mit massivem Downturn und stark asymmetrischer Form vorbei kommen.

Leider haben Kletterschuhe, die sich perfekt für das Antreten von kleinen Tritten im überhängenden Fels eignen, einen großen Nachteil: Je weniger ein Kletterschuh der natürlichen Fußform folgt, desto unbequemer ist er. Da Sportkletterschuhe, die hervorragende Performance am überhängenden Fels bieten sollen, darüber hinaus häufig überaus eng gewählt werden, wird die tolle Kraftübertragung am Fels oft mit Schmerzen quittiert.

Außerdem eignen sich Kletterschuhe mit viel Downturn und starker Asymmetrie nicht für jedes klettertechnische Problem. Was in einer überhängen Route tadellos funktioniert, kann auf einer geneigten und extrem kleingriffigen Reibungsplatte genau den gegenteiligen Effekt haben. Da es auf einer Reibungsplatte weniger auf optimale Kraftübertragung auf einen möglichst geringen Radius sondern vielmehr um eine möglichst große Auflagefläche der Sohle auf den Fels ankommt, sind vorgespannte und sehr kantenstabile Schuhe für Reibungsklettereien denkbar ungeeignet. Hier empfiehlt sich stattdessen ein symmetrischer Schuh ohne Vorspannung mit möglichst weicher und reibungsintensiver Sohle.

Der Apache 5 von Andrea Boldrini: Optimal für Plattenkletterei geeignet

Ein anderes Merkmal, das einen Sportkletterschuh für ein spezifisches Terrain optimiert, ist die Schuhspitzenform. Schuhe mit einer deutlichen Spitze sind z.B. besonders für Lochklettereien – die sich besonders häufig im Kalkstein finden – geeignet, zeigen allerdings manchmal Schwächen beim Reibungsklettern

Spitz und vorgespannt: Der Shaman von Evolv

Ein Schuh der sich besonders für die Kletterei an kleinen Leisten eignet, zeichnet sich durch eine rechtwinklige Sohlenkante entlang der Zehen aus. Durch diese eher abgeflachte Sohlenkante werden die Zehen bei der Kraftübertragung auf die Leiste optimal unterstützt. Allerdings passt die etwas rundere Schuhspitze weniger gut in enge Löcher.

Kletterschuhe mit einer weniger spitzen oder rechtwinkligen Form im Vorderfußbereich in Kombination mit einer weichen Sohle sind dagegen besonders für das Reibungsklettern geeignet. Durch den eher rechtwinkligen Vorderfußbereich ist die Auflagefläche des Fußes vergrößert, wodurch maximaler Grip auf den Strukturen der Reibungsplatte erzeugt werden kann.

Fortgeschrittene Sportkletterer werden deshalb für unterschiedliche Anforderungen an die Kletterei unterschiedliche Kletterschuhe besitzen und diese je nach Bedarf für unterschiedliche Probleme nutzen.

Kletterer, die es sich nicht leisten können oder wollen, mehrere Paar Kletterschuhe zu besitzen, sollten auf einen Allrounder setzen, die sich oft durch eine leichte Asymmetrie und eine geringe Vorspannung, eine mittelharte Zwischensohle und ein relativ hartes aber reibungsintensives Sohlengummi auszeichnen. Mit einem Allrounder wird man zwar in den oberen Schwierigkeiten einige Abstriche an die Performance machen müssen, hat dafür aber einen Sportkletterschuh, mit dem man in so gut wie keinem Terrain völlig daneben liegt.

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